Geistliches Leben

Geistliches Leben heißt im Geiste Jesu Christi leben. Das Gebet ist das Fundament und das Tor für
das christliche Leben. Im Gebet erkennen wir die Größe des himmlischen Vaters und empfangen wir
die Früchte der Verdienste Jesu, in besonderer Weise die Kraft des Heiligen Geistes.
Wir leben in einer besonderen Zeit. Vieles ist möglich, was früher unmöglich schien. Uns ist viel
geschenkt worden, und wir sind dafür verantwortlich. Wir hören aber jeden Tag von Geiseln, Krieg,
Waffenunruhen, Machtkämpfe. Dann fragt man sich, haben die Menschen von der langen
Weltgeschichte noch nichts gelernt? Warum gibt es immer noch so viel Unglück und Unfrieden auf
der Welt? Weil das Reich Gottes, seine Herrschaft noch nicht überall angekommen ist. Wir beten im
Vater unser „dein Reich komme“, aber meinen wir auch wirklich das. Darf Gott über uns wirklich
regieren und seine Herrschaft ausüben? Dort wo Christus ernstgenommen wird, dort wird der Friede
Wirklichkeit und kann ein neue Leben beginnen. Das beweist und das folgende Zeugnis. Im Jahr 2008
wurde Ingrid Betancourt aus der sechsjährigen kolumbianischen Geiselhaft befreit. Ihre erste freie
Tat nach der Befreiung als Geisel: Sie besuchte die Kirche Sacré Coeur (Heiliges Herz) in Paris. Denn
Jesus, sagt Ingrid Betancourt, hat sein Versprechen gehalten: Sie war frei gekommen, nachdem sie
sich dem Heiligsten Herzen geweiht hatte. Ihre erste Geste nach der Rettung war das Kreuzzeichen.
Das berichtete Betancourt dem französischen Magazin Pèlerin. „Warum? Ohne Ihn an meiner Seite
hätte ich den Schmerz niemals überlebt.“
Eine Geisel zu sein bedeutet „eine Situation ständiger Demütigung“. Da gebe es dann nur zwei
Alternativen: „Entweder lässt du dich selbst aggressiv und verbittert werden, voll von Hass und
Rachegelüsten, oder du folgst dem anderen Weg, den Jesus gezeigt hat.“ „Jesus sagte: ‚Segnet eure
Feinde.’ Jedes Mal, wenn ich die Bibel las, hatte ich das Gefühl, dass diese Worte an mich gerichtet
waren, als ob Jesus vor mir gestanden hätte. Er wusste, was er zu mir sagen musste.“
Einfach war das nicht. „Natürlich habe ich gemerkt: Wenn der Feind furchtbar ist, ist es hart, diese
Worte getreu zu leben, und deshalb hatte ich das Gefühl, ich möchte eigentlich genau das Gegenteil
sagen. Wenn ich dann diese (biblischen) Worte sprach, dann war es aber wie ein Zauber: Ich habe
eine Art Erleichterung gespürt.“
„Der Hass ist einfach verschwunden. … Ich spüre, dass eine Verwandlung in mir stattgefunden hat
und ich verdanke diese Veränderung der Tatsache, dass ich fähig war, auf das zu hören, was Gott für
mich wollte.“ Die Kirche Sacré Coeur wollte sie schließlich unbedingt besuchen. Denn noch als Geisel
hatte sie auf Radio Maria International gehört, dass der Juni der Herz-Jesu-Monat ist. Da hatte sie das
Gefühl, dass sie Jesus um etwas bitten möchte: „Ich weiß nicht genau, was es heißt, sich selbst dem
Heiligsten Herzen Jesu zu weihen, aber wenn du es mir während des Monats Juni sagst, dann werde
ich ganz dein sein.
Am 27. Juni 2008 wurde Ingrid Betancourt durch eine kolumbianische Spezialeinheit befreit. „Ich
habe gedacht: ‚Es geht los, Er ist pünktlich.’ … Tatsache ist, dass Jesus sein Wort gehalten hat. Ich
habe ein Wunder erfahren.“
Erst in ihrer Gefangenschaft hatte Betancourt begonnen, die Bibel zu lesen. Das erste Wort, das sie
damals aufschlug, kann sie heute sinngemäß auswendig: „Du kannst bitten, worum du willst, aber
der Heilige Geist wird besser bitten, weil Er weiß, was du wahrhaft brauchst.“ Sofort hat sie
ausgerufen: „Mein Gott, ich weiß, was ich will: frei sein!“ Nach sechs Jahren las sie die Paulus-Stelle
wieder und verstand sie. Der Tod ihres Vaters machte ihr einst zu schaffen und sie haderte mit Gott.
„Später habe ich verstanden, dass ich Gott danken musste, dass er ihn zu sich genommen hat, weil
mein Vater diese sechs Jahre des Leidens niemals ertragen hätte können.“
Diese wahre Geschichte zeigt uns wie das Reich Gottes Wirklichkeit wird: durch das Wort Gottes in
der Hl. Schrift und durch das Wirken Jesu im Heiligen Geist jetzt und hier, in unserem Leben, in
unserer Zeit. Das Wort Gottes ist Geist und Leben. Auch wir dürfen uns auf Jesus verlassen, denn er
sagt: „bittet und ihr werdet empfangen, sucht und ihr werdet finden, klopft an und es wird euch
geöffnet“ (Matthäus 7,7). Jesus lebt und wirkt, er hält sein Wort und erfüllt seine Verheißungen. So
wollen wir mit ganzem Herzen beten: „Herr, dein Reich komme und dein Wille geschehe“ hier und
jetzt, in unserer Zeit, in unserer Stadtgemeinde, in unserer Pfarrgemeinde. Wir danken Dir, Herr,
schon jetzt für alles, was du uns geschenkt hast und schenken wirst. Leben wir im Geiste Jesu, dann
sind wir geistliche Menschen, erfüllt mit dem Hl. Geist.


Pfr. Florin Farcas